Auf dem Boden liegt so allerhand herum. In den beiden maximal kontrastierenden Basler Quartieren Bachletten und Matthäus betreffend Einkommen, Religionszugehörigkeit und Nationalität untersuchte ich den Unterschied der rumliegenden Objekte. Die ursprünglichen Besitzenden sind nicht mehr aufzufinden, die Objekte sind also stumm. Anhand der Quartierstatistik, Beobachtungen vom Quartier und dem Alltag ergibt sich eine eigene Narration. Die Geschichten über die Objekte erzählen von fiktiven Personen, wie sie im jeweiligen Quartier existieren könnten. Dabei wird bewusst mit Klischees gespielt und diese wieder aufgebrochen. Die Texte erzählen über das vorgefundene Objekt vom Quartier.


Bachletten

Im Ausgang mit Freunden, der Tequila fliesst nur so. Morena sitzt an der Bar und bestellt die nächste Runde. Auf dem Tresen ist eine Flyer-Box. Der farbige Flyer vom Theater Basel fällt ihr sofort ins Auge, sie wird neugierig. Ins Theater, das wär‘s! Sie packt ihn in ihre Handtasche. Sie spricht ihre Freunde darauf an, doch die lachen sie aus; das sei etwas für die Reichen vom Grossbasel, aber doch nicht für sie, die auf der anderen Seite des Rhein im Block grossgeworden sind. Auf dem Nachhauseweg kramt Morena enttäuscht den Flyer aus ihrer Handtasche und schmeisst ihn auf den Boden. Dann halt eben nicht.

Bunt und laut: die «drey scheenste dääg» sind vorbei. Während die einen ausgiebig feiern, müssen andere arbeiten und dafür sorgen, dass alles reibungslos abläuft. Besonders in der Stadtreinigung gibt es viel zu tun: Konfetti, Luftschlangen, leere Dosen. Damit der Zeitplan passt, fing Melanie schon 10 Minuten nach dem Endstreich an zu fegen. Am nächsten Tag fährt sie beim Schützenmattpark vorbei und entdeckt eine Luftschlange im Gras. Sie schmunzelt, ein bisschen Fasnacht ist überall.

Die Einkaufstasche ist voll: Gemüse, Früchte, frisches Brot vom Becker und sogar an das Müesli hat Paul gedacht. Er gönnt sich eine Packung Chips, ein Redbull und zur Feier des Tages kauft er sich noch ein Schinkensandwich. Seine Frau ist noch bei der Arbeit, es bleibt ihm also noch etwas Zeit für sein Verwöhnprogramm. Damit sie die Quittung als Beweis für seine Undiszipliniertheit bei der Diät nicht entdeckt, schmeisst er sie rasch aus dem Fenster seines Tesla.

Die Glocken ertönen, die Mittagspause fängt an. Schnell rennen die anderen Kinder nach Hause. Doch Lena ist müde. Viel zu lange hat sie gestern Nacht noch Netflix geschaut. Ein Bein vor das andere. So kann der Tag nicht weitergehen, sie muss wieder fit werden. Sie hat noch genug Sackgeld übrig, so dass sie sich in der Migros einen M-Budget Energydrink kaufen kann. Schnell leert sie die Dose, doch das vielversprechende Getränk ist ihr zu süss. Sie stellt die halbvolle Dose neben den Abfallkübel und geht weiter. Diese Nacht würde sie früh schlafen gehen.

Letzte Woche haben sie noch darüber geredet, über die schlechten Seiten von Twitter, Facebook und Co. Er besässe kein Smartphone, und auf Facebook sei er sowieso nicht eingeloggt, hat Martin geprahlt. Am Sonntag liegt er gemütlich auf dem Sofa und trinkt Bio-Kaffee. Wie ein digitaler Algorithmus, der die Gespräche analysiert und die passenden Artikel im Facebook-Feed vorschlägt, steht im Magazin ein Artikel über «The perfect shitstorm» und die Macht der Social Media Götter. Martin reisst sich die Seiten heraus. Am Montag will er diese dann seinen Freunden geben. Doch an der Bushaltestelle fallen ihm die sorgfältig zusammengefalteten Seiten aus der Tasche raus. Vielleicht besser so, denkt Martin sich, lässt den Artikel liegen und geht.

Die Tage werden länger und zunehmend heisser. Für eine kleine Erfrischung nach Feierabend sorgt ein Schwumm im Rhein. Petra und David setzen sich mit Freunden ans Ufer und trinken genüsslich ein eisgekühltes Bier. Die Dose drücken sie klein, um sie zu Hause in die Alusammlung zu legen. Sie bleiben nicht lange, denn morgen wartet wieder ein langer Arbeitstag auf beide. Gemütlich fahren sie mit dem Velo nach Hause. Bei der letzten Abzweigung kommt Davids Rad in die Tramschiene und er stürzt. Die Dose fliegt aus Petras Velokorb, als sie sich erschrocken nach David umdreht und das Velo beim Absteigen fallen lässt.

Sechs Zahlen und eine Zusatzzahl. Das Spiel hat Marianne schon ein paar Franken eingebracht. Die Ferien auf Capri hat sie sich so bezahlt. Und die neue Schultasche ihrer Enkelin. Einmal in der Woche geht Marianne zum Kiosk und gibt den Lottoschein ab. Sie wartet auf diesen aufregenden Moment und schaut sich die Zahlen nie im Fernsehen an. Die Kassiererin lächelt sie freudig an und gratuliert ihr. Sie nimmt den Zettel in die Hand und kann ihr Glück kaum fassen: 4 Zahlen und die Zusatzzahl. So viel hatte sie noch nie! Schnell läuft sie nach Hause um ihrem Mann von ihrem Glück zu erzählen. In der aufgeregten Hektik fällt der Zettel aus ihrer Tasche, was sie aber erst zu Hause bemerkt.

Hemden, Hosen, Sakko‘s, Westen. Alles von gestern. Etwas neues Muss her. Der Verkäufer nimmt sich viel Zeit bei der Beratung, schliesslich sind hohe Anforderungen zu befriedigen. Im Plastiksack werden die Kleidungsstücke transportfähig gemacht. Unterwegs werden die neuen Kleider in eine modischere Tasche verpackt. Der Plastiksack wird unnötig und wird auf einen vollen Abfallkübel gelegt. Zuhause angekommen präsentiert Frau Goldberg ihrem Mann stolz seine neue Garderobe. Ein Kopfnicken. Der Plastiksack wird vom Winde verweht.

Immer das gleiche. Strasse rauf, Strasse runter. Hinter jeden Scheibenwischer steckt Blerim eine Visitenkarte, so will es sein Chef. Besonders angetan hat es ihm der blaue BMW mit den schwarzen Ledersitzen. Auf seiner Tour hat er das Auto schon oft gesehen. Die meisten Autobesitzenden interessiert der Occasion-Abkauf und die unterschiedlichsten Visitenkarten dafür nicht. Sichtlich genervt nimmt Frau Diesch, die Besitzerin des BMWs, die Visitenkarte hinter dem Scheibenwischer hervor und wirft sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen, auf den Boden. Blerim läuft schneller und schaut beschämt zu Boden. Nach dem Studium als Wirtschafts-Ingenieur wird er genug Geld haben um sich selbst ein solches Auto zu kaufen.

Die Tage sind hektisch, ein Meeting nach dem anderen steht an. Für das Mittagessen bleibt auch kaum Zeit, für ein Sandwich aus dem Coop reicht es gerade noch. Auf dem Weg zurück in Büro schnappt sich Pietro den Zahnseide-Stick aus seiner Freitag-Tasche, die lässig über die Schultern hängt. Er überquert die Strasse, schiebt sich den Stick zwischen die Zähne und holt so die letzten Reste vom spärlichen Mittagessen aus den Zwischenräumen. Ein Blick auf die Uhr verrät, dass er spät dran ist. So fällt der benutzte Zahnseide-Stick zu Boden und Pietro läuft im Stechschritt in Richtung nächstes Meeting.

Gelangweilt raucht Gabriel eine Zigarette nach der anderen. Er lehnt sich an sein Auto und schaut immer wieder auf die Uhr. Der Apéro vor der Kirche will kein Ende nehmen. Dabei hat ihm seine Freundin versprochen, dass sie gleich nach der Taufe gehen werden. Das war eine halbe Stunde her. Er zündet sich die letzte Zigarette an, als seine Freundin mit ihrer Cousine kommt. Genervt schmeisst er die leere Packung auf den Boden. Sie können endlich gehen.

Die Sonne scheint, die Tage werden wärmer. Endlich kann Marcel die Mittagspause wieder draussen verbringen. Auf dem Weg zum Park, seinem liebsten Ort um sich zu entspannen, geht Marcel in die Migros zum Einkaufen. Ein Krustenbrot und eine Packung Salami, das geht schnell und macht satt. Er setzt sich auf die Bank, von wo aus er das Geschehen im Park im Blickfeld hat. Er beisst genüsslich ins Sandwich, da klingelt auch schon sein Handy. Seine Frau, die Fruchtblase ist geplatzt. Marcel springt sofort auf und rennt mit dem Sandwich in der Hand in Richtung Spital. Für den Abfall bleibt keine Zeit mehr.

Die Arbeit ist anstrengend, nicht‘s für Schwache. Gerüste aufbauen, Terrassen herrichten und Platten legen. Ein Büezer, ja das ist er. Die Energie und die Motivation sind heute allerdings alles andere als hoch. Tobias überlegt sich, wie er zu einer längeren Verschnaufpause kommt. Auf dem Weg zur nächsten Baustelle legt er seinen einen Handschuh auf ein Gebüsch. Ohne den obligatorischen Schutz darf er nicht weiterarbeiten. Doch sein Lehrmeister ist wenig überzeugt; wenn er den Handschuh nicht mehr habe, solle er mithelfen beim Verputzen der Wände, dafür braucht es die Handschuhe sowieso nicht. 

Mittwochnachmittag, schulfrei. Nach dem Mittagessen zu Hause geht‘s zum MC. Lea und ihre Freundinnen gönnen sich richtig was. Cola, McFlurry, Apple Pie. Im nahegelegenen Spielplatz breiten sie sich aus. Eine Freundin nimmt sich lässig eine Zigarette aus der Tasche hervor und steckt sie in den Mund. Lea kaut am Plastikstrohhalm rum. Sie kramt ihre Boxen aus der Tasche und spielt ein Song von Yung Hurn ab. Ok cool. Genau ihr Ding. Lässig schmeisst sie den leeren Becher in den Abfalleimer. Der Becher landet drinnen, der Deckel mit dem Strohhalm fliegt zu Boden. Tja, dann halt eben nicht, denkt sie und geht weiter.

Matthäus

Müde und erschöpft fällt Ryan in‘s Bett. Die Nächte sind lang, die Tage eher kurz. Zuviel läuft gerade. Studium, Ausgang, und zur Arbeit muss er auch noch. Um 8 Uhr früh klingelt der Wecker, er ist bereits spät dran. Duschen, umziehen, Haare richten. Er rennt die Treppen nach unten, stürzt zur Haustür raus. Ab auf‘s Velo. Doch das ist nirgends mehr zu finden. Nur das Schloss liegt da. Immer noch verschlossen zwar, doch aufgefräst. Enttäuscht lässt Ryan das Schloss liegen und rennt auf das Tram, das gerade vorbeifährt.

Vogelgezwitscher und die ersten Sonnenstrahlen. Es ist nicht viel los. Früher Sonntagmorgen. Marianna sitzt auf der Bank und geniesst die Ruhe. Was für eine Nacht! An Schlafen ist noch nicht zu denken. Kurz nach Hause, Ausgangskleider wechseln und ab nach draussen. Marianne nimmt einen grossen Schluck vom Milchdrink. Den mag sie besonders. Ein Windstoss bläst die Gedanken an letzte Nacht weg. Und den Drink zu Boden. Marianna geht erschöpft ins Bett.

Fairness, das geht auch beim Smartphone. Für Sebastian war das ein wichtiges Kaufsargument. Doch auch fair hergestellte Smartphones halten nicht für immer. Und so verschwindet es in einer Schublade und wird ausgetauscht gegen ein altes Modell eines Freundes. Bis eines Tages eine Visitenkarte eines Geschäftes bei ihm im Briefkasten liegt, das Fairphone Ersatzteile gross anbietet. Da würde er vorbeischauen. Er lässt die Visitenkarte im Briefkasten, so dass er sie nicht vergessen würde. Dort bleibt sie auch, bis sie der Mitbewohnerin beim Leeren des Briefkastens rausfliegt.

Viel zu viel hat sich wieder angestaut. Die Dinge werden überdrüssig und versperren Freiraum in der keinen Wohnung. Meniya ist am ausmisten. Ein Kaffeekocher, der nie gebraucht wird. Ein paar Kleidungsstücke, die nicht mehr in Mode sind. Der Spiegel, der doch nur ein Verzerrtes Abbild zeigt. Alles wird liebevoll auf die Strasse gestellt. Streetshopping, so heisst das hier. Damit es nicht mit Abfall verwechselt wird, wird liebevoll «Gratis» auf einen Zettel geschrieben und mit Klebeband am Fenstersims befestigt. Am Ende des Tages ist alles weg. Die Giesskanne, die alte CD-Sammlung, ein paar Schuhe, ein paar ungelesene Bücher. Nur der Zettel ist geblieben.

Das Kinderzimmer ist bereits eingerichtet, Kleider gekauft und unzählige Vorbereitungskurse wurden besucht. Patrick wird Vater! Seit dem Beginn der Schwangerschaft probiert er mit dem Rauchen aufzuhören. Seit einer Woche probiert Patrick mit Hilfe von Nicorette von der langjährigen Sucht loszukommen. Seit einer Woche ist das Verlangen nicht kleiner geworden. Schon wieder ist eine Packung leer, die er – enttäuscht von sich selbst – auf den Boden schmeisst. Noch einen Monat hat er Zeit.

Extrem heisse Sommer, extrem kalte Winter. Der Klimawandel ist real. Doch wie müssen wir uns anpassen? Als Industrial Designer könnte Jan aktiv mitgestalten wie die Welt von morgen aussieht. Viel Recherche hat er schon betrieben, viele Bücher gelesen, Interview